Am Samstag, 3. September, hat die europäische Erstaufführung des Oratoriums AQUA von Gonzalo Grau im Beethoven-Saal große Begeisterung hervorgerufen. Der Venezolaner hat das bereits in Lateinamerika vorgestellte Werk im Auftrag der Internationalen Bachakademie Stuttgart eigens für das Musikfest komponiert. Neben einem ganz außergewöhnlichen Solistenensemble musizierte das Bundesjugendorchester gemeinsam mit der Gächinger Kantorei unter Leitung der Helmuth-Rilling-Preisträgerin María Guinand. Mit zwei Video-Sequenzen, mit Fotos von Proben und Konzert und mit einem Tagebuch unserer Schüler-Praktikantin Thea Stietz haben wir uns mitten hinein begeben in dieses faszinierende Projekt.
Beethoven-Saal, 3. September 2011
»So hat man die Gächinger Kantorei selten erlebt: gekleidet in den Farben des Wassers, mit blauen, türkisen, regentrüben und schmutzigbraunen umhängen, rhythmisch bewegt zum afrikanischen Yoruba-Ritual, mit Erbarmensgesten zur Durst-Litanei in der Mitte des fünfteiligen Aqua-Oratoriums [....] Carlos Sánchez Torrealba ist der sprachgewaltige Rezitator der Anrufung der Flüsse, der Schilderer von Dürre und menschlichem Elend, von indischer Flutkatastrophe und neuer Fruchtbarkeit [...] und Maria Guinand als Dirigentin, die seit den Zeiten des Festivalensembles der Bachakademie mit Helmuth Rilling und dem Musikfest freundschaftlich verbunden ist, animiert die Gächinger zu ganz unschwäbischem Temperament.« (Esslinger Zeitung)

Absolut erstaunlich, wie es diese Profimusiker in nur einer Woche geschafft haben, eine mehr oder weniger beängstigende Probensituation in ein Konzert zu verwandeln, von dem die Leute so begeistert sind, dass sie am Ende sogar aufstehen! Obwohl ich das am Beginn der Erstaufführung von AQUA niemals erwartet hätte, als ich mich im Beethovensaal-Publikum umsah, und die Leute nicht so recht begeistert ausschauten. Eher so, als wären sie im falschen Film, wo ich nur noch dachte: Na, wenn das mal was wird…!

Zweite Chorprobe a cappella am 30. August: Die Geschichten hinter der Musik… Wieder erzählt María Guinand von der Göttin des Wassers, von Yemayá, dass sie viele verschiedene Gesichter und Namen habe; eine Göttin, so verschieden wie die Wasser, die ihr untertan sind, und doch für alle Menschen ein und dieselbe! Dann wird weiter am Stück gefeilt, vor allem immer und immer wieder an der Aussprache der Worte. Man sollte letztere schon richtig betonen, sonst spricht man plötzlich von frittiertem Fisch!

Erste Chorprobe a cappella. Als erstes bemerke ich, dass ein erwachsender Profichor sich in einem Punkt kaum anders verhält als unser Schulchor: Bis alle an ihren Plätzen sitzen und die Probe beginnt, sind schon mal die ersten fünf Minuten verstrichen. Als María Guinand den Raum betrat, erfasste mich das gleiche Gefühl wie vor zwei Wochen in Berlin und sie hat sich auch tatsächlich an mich erinnert und gefragt, wie denn meine Fotos geworden seien. Ich habe mich natürlich gefreut, sie wieder zu sehen, musste allerdings etwas verlegen zugeben, dass ich mich im Fotografieren wohl noch etwas üben muss – was sie amüsiert zur Kenntnis nahm. Jetzt steht sie vor dem Chor und verkündet: »Ich werde mit Ihnen einen Weg durch das ganze Oratorium gehen!« Womit sie dann auch sogleich beginnt...

Als begeisterte aber nicht herausragend begabte Musikerin ist es für mich immer wieder schwer zu glauben, dass die jungen Musiker des Bundesjugendorchesters, die alle etwa in meinem Alter sind, nicht schummeln, wenn sie so tolle Musik machen! Und dass ich mich im Zuge meines Praktikums bei der Internationalen Bachakademie Stuttgart in der Generalprobe zu AQUA in Berlin sozusagen live davon überzeugen konnte, was für geniale junge Musiker das sind, das war ein waschechtes Abenteuer!
Kapfenburg, Freitag, 12. August 2011
Bachakademie-Intendant Christian Lorenz hat sich auf den Weg zum Schloss Kapfenburg gemacht, wo María Guinand und Komponist Gonzalo Grau mit den Musikern des Bundesjugendorchester die ersten gemeinsamen Proben zu AQUA mit ihrem Temperament erfüllen. Der Online-Redakteur hat dem Chef noch einen Camcorder in die Hand gedrückt. Die aus der Vielzahl der Aufnahmen und Gigabytes zu einem kleinen Film gefügten Szenen lassen allerhand von der besonderen Stimmung erahnen, von der bereits diese ersten Proben geprägt sind.