»Uri Caine gehört schon seit einiger Zeit zu diesen neuen, umfassend wirkenden Künstlern, die es nicht nötig haben, den Jazz wie Fallobst von Louis Armstrongs Baum aufzulesen. Er beherrscht alle möglichen musikalischen Sprachen akzentfrei, und er hat sich schon immer durch ein virtuoses Hakenschlagen um die Eckpfeiler des Mainstreams ausgezeichnet. [...] Jetzt hat ihn die rührige Bach-Akademie für ihr diesjähriges Musikfest Stuttgart mit einer Auftragskomposition betraut [...] Für seine "Lamentations" hat Uri Caine unter seiner Leitung am Klavier das Gamben-Consort "Il Suonar Parlante" von Vittorio Ghielmi mit dem Bassklarinettisten Achille Succi und drei aus verschiedenen musikalischen Himmelsrichtungen stammenden Vokalistinnen, der Flamenco-Sängerin Carmen Linares, der Gospel-Interpretin Barbara Walker und der im klassischen Gesang ausgebildeten Cristina Zavalloni, zusammengeführt.
Entstanden ist dabei ein magisch wirkender Zyklus von 22 Kurzkompositionen im Stil und Textverständnis der Klagelieder nach Jeremias, die wie Charakterstücke eines enzyklopädischen Musikverständnisses wirken und zugleich die Einheit des musikalischen Ausdrucks in unterschiedlichen Milieus beschwören. Nichts scheint die Bassklarinetten-Riffs von Achille Succi mit dem Tremolo des eingeschobenen Gambenquartetts und dem hebräischen Ziergesang von Cristina Zavalloni in der ersten Lamentation zu verbinden, und doch fügen sich die drei Ebenen zu einem mystischen Klagetonfall von außerordentlicher expressiver Kraft zusammen. Ähnliches geschieht, wenn Barbara Walker ihren mächtigen Gospel - "O Lord see the distress I'm in" - zur kargen Klarinette anstimmt, die wie ein Walking Bass im Jazz die Linien für die kraftvollen Melodiefarben vorzeichnet. Wenn schließlich Carmen Linares zu den wundvollen Fiorituren von Uri Caine am Klavier ihren Cante jondo, den tiefinneren Gesang ihrer andalusischen Heimat, intoniert, dann spürt man, dass dies mehr ist als Musik.
Es ist, wie Manuel de Falla es sah, ein Ätzbrand, der die Kehle, die Lippen, die Zunge dessen verbrenne, der das singe. Diese Inbrunst aber teilen alle Musiker in diesen zweiundzwanzig Miniaturen, in denen sich archaisch anmutende Instrumentalsätze mit Free-Jazz-Explosionen, geistliche Gesänge der Afroamerikaner mit den unendlichen Melismen spanischer Zigeuner und atonale Kantilenen mit Klaviercluster abwechseln, ohne Bruchstellen oder Zwangsneurosen erkennen zu lassen. Die Kompetenz der Ausführung und die Kraft des Komponisten, eines Zusammenfügers von Rang, machten den Unterschied zur Beliebigkeit herkömmlicher Fusionsmusik aus - stehender Applaus.« (Wolfgang Sandner, FAZ, 14.9.)
»Die Klagelieder - traditionell Jeremias zugeschrieben - werden katholischen Gottesdienstbesuchern in der Karwoche verlesen, evangelischen am 16. Sonntag nach Trinitatis. Orthodoxe Juden in Jerusalem lesen sie jede Woche an der Klagemauer. Jerusalem ist in diesen Lamentationen als Tochter Zion personifiziert. Die Klage hebt darüber an, dass sie als Geliebte entehrt und als Witwe geschändet wurde. „Das Ende ist nah“, singt Barbara Walker auf einem schaukelnden Gospel-Rhythmus und lässt sich die Silben auf der Zunge zergehen. Da lehnen sich die etwas unterforderten Knie- und Schoßgeiger aus Italien auf ihren Stühlen zurück und lächeln. Im Publikum sieht man sogar wippende Fußspitzen. Doch nach der lodernden Energie des Flamencogesangs und seiner arabischen Melismatik steht die zeitgenössische Musik für die Zerrissenheit unserer Welt. Sie kündet von Entsetzen, Schmerz, Trauer und Krieg. Aber am Ende verwandelt Uri Caine die Klagelieder in ein musikalisches Lob für den einen Gott, für den Gott des Friedens. Frau Musica sei Dank!« (Thomas Staiber, Esslinger Zeitung, 14.9.)
»Vittorio Ghielmis Gambenconsort Il Suonar Parlante, der Bassklarinettist Achille Succi sowie Caine am Klavier legten ein so ungewöhnlich ausgestaltetes wie exquisites Klangfundament, sie bestritten ein paar Zwischenspiele in den insgesamt 22 „Lamentations“ und bereiteten den Boden für ein wunderbares Gesangstrio. Wechselweise trugen die anämische Klassiksängerin Cristina Zavalloni in ätherischer Intonation, die umso üppigere Gospelsängerin BarbaraWalker mit tiefschwarzem Soulorgan und die Flamencosängerin Carmen Linares mit kehlig-rauchigem Timbre die Strophenminiaturen vor. Nicht nur weil sie auf Spanisch, Englisch und Hebräisch gesungen wurden, entwickelte sich ein traumhaft betörendes Wechselspiel, kontrastreich, doch stets sinnlich löste sich die düstere Thematik der Klagelieder des Jeremias in famoser Weise auf. Caines einstündige Auftragskomposition für die Bachakademie ist eine beglückend gesungene, gloriose Feier des schönsten aller Instrumente: der weiblichen Stimme. Zudem wird in den „Lamentations“ exzellent musiziert, auch der Begriff Weltmusik erfährt hier im Übrigen – sowohl durch die Vielsprachigkeit wie auch den theologischen Überbau – eine Deutung jenseits der tradierten Klischees. Das Ganze wurde in einem würdigen und trotzdem lockeren Rahmen präsentiert, so dass man sagen muss: So machen Grenzgänge richtig Spaß.« (Jan Ulrich Welke, Stuttgarter Zeitung, 13.9.)