Südwestpresse: »Keine bescheidene „Kleine Nachtmusik“ á la Mozarts KV 525 sollte es sein; bei einemMusikfest mit dem Leitmotiv „Nacht“ schon eine ganz Große. Da war die Qual der Wahl für die Besucher natürlich auch groß. Sie strömten an diesem lauen Sommerabend in Scharen zum Stuttgarter Schillerplatz und von dort in die vier nahe gelegenen Aufführungsorte Stifts- und Schlosskirche, Landesmuseum sowie Fruchtkasten. Für gerade mal 16 Euro hatten sie sich die Eintrittskarte zum musikalischen Lustwandeln erworben, was allerdings noch keine Garantie für den Besuch der persönlich anvisierten 40 Minuten-Konzerte bedeutete. Mit zusätzlichen Einlasskarten wurde der Besucherstrom ein wenig kanalisiert, denn während in der Stiftskirche für gut 800 Besucher Platz war, gab es im Fruchtkasten nur 100 Sitzmöglichkeiten.
Hier steht Bachakademie-Intendant Christian Lorenz höchstpersönlich vor der Tür und verteilt bestens gelaunt die begehrten Einlassbilletts. Nicht nur an diesem Abend des dreiwöchigen Musikfests spürt er, wie er im kurzen Gespräch betont, „ein Vibrieren, eine gespannte Erwartung und fröhliche Offenheit, Musik in vielen Facetten erleben zu können“. Er freut sich auch über das „tolle Festival-Gefühl“, das sich in der Stadt eingestellt hat und ist sichtlich glücklich, „dass das Publikum sich selbst als Bestandteil des Festivals wahrnimmt, sich in einen freudigen Erregungszustand steigert und diesen mit den hervorragenden künstlerischen Inhalten zu einem Gesamterlebnis verbindet“. Sein knappes enthusiastisches Fazit: „Dieser Zauber findet hier gerade statt.“ An diesem Abend zum Beispiel in der Schlosskirche, wo Mitglieder des Kammermusik-FestivalsHohenstaufen mit Maurice Ravels Streichquartett F-Dur temperamentvoll den langen Abend eröffnen und dabei Appetit machen auf das dreitägige Festival, das am 24. September wieder in Göppingen-Hohenstaufen beginnt. Klar, dass Bachakademie-Chef Helmuth Rilling es sich nicht nehmen lässt, seinen beiden hier zusammen mit Álvaro Parra und Christopher Jepson hingebungsvoll musizierenden Töchtern Rahel Maria und Sara Maria zu lauschen. In diesem stimmungsvollen Ambiente gibt es später auch ein ganz wunderbares Lied-Recital mit Catriona Smith von der Staatsoper, am Flügel von Jörg Halubek begleitet.
In der Stiftskirche ist den ganzen Abend lang Meditatives angesagt, etwa mit dem Stuttgarter Oratorienchor („Cantate Domino im Wandel der Zeit“), der Domkapelle Sankt Eberhard mit Gregorianik oder dem Motettenchor Stuttgart mit Eva Schorrs Kantate „Wir sind ein Teil der Erde“ für gemischten Chor und Schlagzeug. Im Fruchtkasten nebenan feiern parallel drei Konzertteile lang vier vielversprechende Vokalsolisten den erfolgreichen Abschluss ihres Interpretations-Meisterkurses beim Klavierduo Hans-Peter und Volker Stenzl mit exzellent vorgetragenen Liedern von Essl, Ligeti, Schumann und Brahms. Im flotten Turnschuh-Look präsentiert Michael Hofstetter mit seinem Stuttgarter Kammerorchester eine intensiv spannungsgeladene Interpretation der Streichorchester-Fassung von Schuberts Quartett „Der Tod und das Mädchen“. Hier, in der Dürnitz-Halle des Landesmuseums, dessen Ausstellung „Musikkultur in Baden-Württemberg“ am Wochenende zu Ende ging, gibt es vor Mitternacht ein aufregendes Finale: Schönbergs „Verklärte Nacht“ mit dem Sextett des Stuttgarter Radio-Sinfonieorchesters und das phänomenal zwischen den Percussion-Instrumenten hin- und her schwirrende Flügelschlag-Quartett mit George Crumbs provozierender „Music for a Summer Evening“.Was für eine superbe Musikfest-Sommernacht!« (Hanns-Horst Bauer)
Stuttgarter Nachrichten: »Das Interesse war groß, die Veranstaltungen auch in der Schlosskirche, der Dürnitz-Halle des Landesmuseums und der Stiftskirche voll. Von Konzert zu Konzert zu wandeln kommt an. Vielseitiger und damit attraktiver sei das Musikfest geworden – ein Grund, nach Jahren der Abstinenz mal wieder vorbeizuschauen, bekundet ein Ehepaar vor der Schlosskirche. Hier gibt es gleich Gereon Müller und sein Rondo Vocale zu hören: einen Laienchor, der in A-cappella-Werken von Schütz, Brahms und Lauridsen zwar mit intonatorischen Problemen zu kämpfen hatte, aber auf gestalterischer Ebene alles gab. Danach zum Flügelschlag-Quartett, das mit Georg Crumbs „Music for a Summer Evening“ für zwei Klaviere und Perkussion klangmagisch die Geister der Nacht beschwor. Die schlauchartige Stühlereihe im Dürnitz-Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt – selten genug bei Neuer Musik. Der glänzend organisierte Abend, zu dem gut 3000 Besucher fanden, bereitete nur ein Problem: die Qual der Wahl! Die Konzerteinheiten waren mit 40 Minuten etwas zu lang, so kam man in den fünf Stunden Programm nur durch fünf Konzerte. Wer am Ende allerdings zum exzellenten Philharmonia-Chor unter Johannes Knecht gefunden hatte, bereute seine Entscheidung nicht: Die Abendlieder von Bach, Reger und Rheinberger boten das schönste musikalische Betthupferl.« (Verena Großkreutz)